Stückwerk: geflickte Krüge, Patchwork, Kraftfiguren

Ausstellungstext

Unter Stückwerk verstehen wir zwei Kategorien von Werken: solche, die aus Stücken zusammengesetzt, und solche, die in Stücke zerfallen sind oder sich auf dem Weg
dahin befinden. Dabei stellen wir die Kraft des Verbindens, die Kunst des Trennens
und die Wucht des Zerstörens ins Zentrum.

Vom Einfachen bis zum Kostbaren, vom Zweckmässigen bis zum Ausgefallenen, vom Selbstverständlichen bis zum Aussergewöhnlichen und vom Aufgelassenen bis zum Ruinierten – in jedem Fall stehen die Stückwerke für individuelles Können und kulturspezifisches Wissen, für Geschichte und Geschichten, die mitunter auch von Verletzungen, Wunden und Zerstörung berichten. Die Stücke bleiben in ihrem fragmentarischen Charakter sichtbar und regen so die Fantasie an. Zudem legen sie
durch ihre Beschaffenheit und die verwendeten Materialien kulturelle Erfordernisse
und Funktionen offen und lassen ästhetische Dimensionen erkennen.

Werkkategorien – Die Werke gehören zu verschiedenen Kategorien, die sich durch die Art ihrer Entstehung unterscheiden. Ob gezielt geschaffene Assemblagen, wirkmächtige Objekte, potenzierende Kombinationen, vor dem Verfall bewahrte Alltagsgegenstände, dem Zerfall überlassene Dinge und Bruchstücke von Zerstörung − ihnen allen ist gemeinsam, dass sie gleichzeitig Fragmente von Geschichten und der Geschichte sind.

Kontexte und Perspektiven – Stückwerke verweisen auf die Wiederherstellung oder Erzeugung von Ordnungen. Sie zeigen, wie mit oder durch materielle Dinge gehandelt wird, sie können Kraft und Macht verleihen oder entziehen, sie erheischen Sorgfalt und Pflege und zuweilen müssen sie – aus welchen Gründen auch immer – ausgesondert werden. Je nach Perspektive zeigen sich die Prozesse der Fragmentierung anders: Ein Blickwinkel von Herkunftsgesellschaften unterscheidet sich mitunter fundamental von einem wissenschaftlichen; eine ökonomische Dynamik zeitigt ein anderes Vorgehen als eine von ethischen Prinzipien geleitete. Schliesslich steht zur Debatte, inwiefern Museen an der Fragmentierung von Werken beteiligt sind oder diese gar verursacht haben.

Qualitäten – Alle gezeigten Stückwerke verfügen über poetische und ästhetische Qualitäten. Jedes einzelne steht für sich selbst, ist aber zugleich auch Beleg für den kulturspezifischen Einsatz verschiedener Materialien, ihrer Kombinationen und Wirkungen. In Bruchstücken, Splittern, Partikeln oder Fragmenten schlummert das Potenzial, Unterdrücktes zu artikulieren, Abweichendes ins Zentrum zu rücken oder neue Perspektiven auf Ereignisse oder das ganze Leben zu eröffnen. Gerade auch für ethnologische Museen sollte gelten, sich mit Teilen, Fragmenten oder Splittern – also Stückwerken auseinanderzusetzen, um sich einer zersplitterten Welt stellen zu können.

 

 

Rindenbast eines Linden- oder Ahornbaums, getrocknetes Seegras, schwarzer Seetang und jede Menge Binsen werden mit Schnüren aus Reisstroh zusammengehalten. Diese Elemente sind einzeln wenig spektakulär. Erst ihre Kombination, der Farbverlauf und die sorgfältige Arbeit transformieren sie zu einer eindrucksvollen Assemblage: zu einem japanischen Regenumhang mino. Dieses Werk aus Stücken ist ein Gebrauchsgegenstand. Lange wurde er zum Schutz vor Regen und Schnee getragen: über der Samurai-Rüstung genauso wie auf Reisen, bei Arbeiten auf dem Feld oder anderen Verrichtungen im täglichen Leben.

Einige Figuren im klassischen japanischen Theater tragen einen mino, wie auch Männer, die sich im Norden der Insel Honshu damit verkleiden, um zum Jahreswechsel durch die Strassen zu ziehen. Neuerdings ist das mino in der Cosplay-Szene populär, in der sich Menschen in Charaktere aus Mangas und Animes verwandeln.

Ein mino ist gleichermassen ein einzelnes Objekt und ein Ensemble; seine Herstellung bezeugt handwerkliches Können wie auch ästhetische Praxis. Bereits im 17. Jahrhundert inspirierte der Umhang den japanischen Dichter Matsuo Bashô (1644-1694):

Der erste Winterschauer –
Ein Strohmäntelchen wünscht sich
auch der kleine Affe!

  1. Regencape mino; Präfektur Akita, Japan; 20. Jh.; Binsen, Rindenbast, Seegras, Reisstroh, Pflanzenfasermaterial; Noemi Speiser, Kauf 1971, IId 8128

 

Wallen Mapondera verbindet in seiner Arbeit nationale und internationale Ereignisse mit persönlichen Erfahrungen. Dazu entwickelte er eine radikale abstrakte Sprache unter Verwendung von Fragmenten und Fundstücken: von Verpackungen (etwa von Nahrungs-
mitteln wie in Tribal Print) und Pappkartons über zerrissene Zeltplanen und ausrangierte Bretter bis zu Eierschalen. Sein Interesse gilt der Unbeständigkeit und Vergänglichkeit
von Bedeutungen und Werten, wie diese Materialien sie verkörpern. Dabei konzentriert
er sich auf Transformationsmöglichkeiten, die den Materialien inhärent sind.

2. a Tribal Print
Wallen Mapondera, 2017
Karton, Faden, Mischtechnik
Courtesy of SMAC Gallery, © Wallen Mapondera

 

Die Arbeit Open Secret mit der klaffend roten Wunde kommentiert die Zerbrechlichkeit von Dingen und Lebewesen gleichermassen. Mit diesem Werk klagt Mapondera die Korruption des simbabwischen Staats an.

2. b Open Secret
Wallen Mapondera, 2020
Karton, Wachspapier, Baumwolle, gewachste Fäden auf Leinwand
Courtesy of SMAC Gallery, © Wallen Mapondera