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«Der Tod war mir nie fremd»

In einer Veranstaltungsreihe sprechen wir mit Menschen, die sich beruflich im Spannungsfeld von Tod, Abschied und Trauerbegleitung bewegen. Als nächstes gibt Vanessa Barth, Regionalleiterin Freitodbegleitung NWCH bei EXIT, Einblick in ihre Arbeit. Wir haben ihr im Vorfeld ein paar persönliche Fragen gestellt.

MKB: Frau Barth, unsere Ausstellung «Der Weg ins Jenseits» beginnt mit dem Tod. Sie befassen sich beruflich damit. Wie hat dies Ihre Einstellung zum Tod verändert?»
Vanessa Barth: Ich hatte seit jeher keine Berührungsängste, vielmehr Respekt. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem bereits meine Urgross- und Grossmutter offen mit dem Thema Tod umgegangen sind und mir von ihren Verlusten, von ihren Erlebnissen und von Aufbahrungen erzählt haben. Gleichzeitig habe ich selbst früh einen Verlust in der Kernfamilie erlebt. Der Tod war also nie fremd, aber damals vorwiegend mit schmerzlichen Gefühlen verbunden.

Als Begleitperson bin ich im letzten Moment eines Menschen dabei. Meist in ihrem Zuhause, in vertrauter Umgebung, in der gelebt wurde, im Kreis von Familie, Freunden und manchmal auch Haustieren. Ich darf erleben, dass dieser Tag nicht rein von Leid und Trauer geprägt ist, sondern eher von grosser Klarheit und Kraft. Es wird auf das Leben zurückgeblickt, sich verabschiedet und bedankt, für die gemeinsame Zeit, die man hatte. Es wird geweint, geschwiegen, aber auch gescherzt und gelacht. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Ruhe und welchem Mut diese Menschen dem Tod begegnen und ihn als Teil des Lebens annehmen.

Abschied schmerzt, doch würde ich sagen, dass mein Blick auf den Tod durch diese Begegnungen demütiger geworden ist, weniger schmerzlich, sondern versöhnlich.

Blick in einen Ausstellungsraum mit roten Podesten, dunkelblauem Teppich und Objekten auf den Podesten und an den Wänden. Prominent zu sehen ein Drache mit einem Schirm und ein grosser Kremationsturm.

Blick in die Ausstellung «Der Weg ins Jenseits»

Und hat sich Ihre Einstellung zum Leben verändert?
Uns allen ist bewusst, dass das Leben endlich ist, auch wenn dieser Gedanke gerne etwas zur Seite geschoben wird. Da nehme ich mich nicht aus. Doch werde ich durch die Begleittätigkeit immer wieder mit der Endlichkeit konfrontiert. Das macht natürlich etwas mit mir. Weniger im Sinn von solchen Sätzen wie «Lebe, als wäre es dein letzter Tag», denn dann würde ich kaum noch etwas im Haushalt machen oder Zahnarztbesuche wahrnehmen, sondern mit mehr Realitätsbezug und vor allem einer Dankbarkeit. Ich (hinter)frage mich seither regelmässig bewusst: Was ist mir wirklich wichtig? Wird es am Ende meines Lebens eine Rolle spielen, ob alles an Altpapier etc. entsorgt und die Wohnung perfekt aufgeräumt wurde, oder ob ich doch lieber einmal mehr raus an die Sonne gegangen bin, Freunde getroffen oder Zeit mit meiner Familie verbracht habe? Wem oder was schenke ich diese wertvolle Zeit?

Während die Ausstellung sich mit dem Weg ins Jenseits befasst, begleiten Sie Menschen auf ihrem Weg in den Tod. Wie kamen Sie dazu?
Ich glaube, es hat viel mit meiner inneren Haltung zu tun: dem Wunsch, selbst über das eigene Leben entscheiden zu dürfen, auch beim Sterben. Nicht im Sinne einer schnellen Lösung, sondern als eine Möglichkeit, für die ich mich einsetze. Ein weiterer Grund, weshalb ich mich damals auf das Stelleninserat bei EXIT beworben habe, sind die persönlichen Gespräche und existenziellen Themen. Nichts ist so ehrlich wie der Tod. Ich bin nicht als «fertige» Begleitperson zu EXIT gestossen, sondern in die Aufgabe hineingewachsen und wachse noch immer.

Viele kleine Keramikfiguren, die eine Begräbnisszene in Peru darstellen. Im Vordergrund ein Priester, eine Figur mit einem Holzkreuz und zwei trauernde Frauen mit schwarzen Umhängen, in der Bildmitte eine Figur mit einer bunten Ohrenkappe und dahinter Sargträger mit einem Sarg.

In der Ausstellung «Der Weg ins Jenseits» wird gezeigt, wie wichtig die Begleitung ist

Wie gestaltet sich dieser Weg in den Tod?
Sehr individuell! Es gibt nicht die eine Standard-Freitodbegleitung. Hier zeigen sich am Tag der Begleitung grosse Unterschiede. Manche versterben im grossen Kreis, andere wiederum nur im Beisein einer Begleitperson und einer Zeugenperson von EXIT. Einige Anwesende schmücken den Raum, zeigen viel Kreativität, lesen Gedichte vor, singen oder spielen Musik, andere halten es eher nüchtern. Es soll für die Menschen stimmig sein.

Was aber alle Begleitungen gemeinsam haben, ist, dass es sich um einen assistierten Suizid handelt, der einem rechtlichen Rahmen unterliegt. Das bedeutet unter anderem, dass das Sterbemittel (Natrium-Pentobarbital) selbstständig eingenommen werden muss. Zudem gilt der assistierte Suizid rechtlich gesehen als aussergewöhnlicher Todesfall, weshalb die zuständigen Behörden nach dem Versterben informiert werden und vor Ort kommen.

Am Anfang steht jedoch das persönliche Gespräch. Es geht darum, sich kennenzulernen, den Hintergrund des Sterbewunsches zu verstehen, Alternativen zu besprechen und eine sorgfältige Abklärung vorzunehmen. Nicht jede Abklärung endet in einer Freitodbegleitung. Gerade bei zum Beispiel psychiatrischen Erkrankungen oder sehr fortgeschrittenen Demenzerkrankungen, muss häufig zum Schluss gekommen werden, dass eine Begleitung aufgrund der fehlenden Urteilsfähigkeit nicht möglich ist. Das kann für die Betroffenen und ihr Umfeld sehr schwer sein.

Ausserdem ist es ein Weg, für den es Zeit und Planung bedarf. Für Aussenstehende erscheint es eventuell aussergewöhnlich, dass eine Person den Tag, an dem sie stirbt, selbst festlegt und in diesem Fall kennt. Ich begleite und führe das Mitglied durch diesen Tag, achte mich gut auf sein Tempo, halte den Rahmen für die anwesenden An- und Zugehörigen und bin dennoch im Hintergrund. Dieser Moment gehört dem Mitglied. Ebenso liegt bis zuletzt die Entscheidung, das Sterbemittel zu sich zu nehmen, oder einen anderen Weg zu gehen, bei ihm. Ich werde da sein, wo es mich braucht.

Das Versterben selbst nehme ich als ein friedliches Einschlafen wahr, das meist kurzer Zeit nach der Einnahme des Sterbemittels eintritt.

Die Begleitung ist auch ein wichtiger Teil auf dem Weg ins Jenseits. Wie unterstützen Sie die Menschen, die einen Freitod wählen?
In erster Linie durch Zuhören. Der Weg hin zu einem assistierten Suizid ist ein innerer Prozess, den jedes Mitglied auf eigene Weise durchläuft. Manche Menschen tragen diesen Gedanken schon lange in sich und melden sich mit sehr klaren Vorstellungen. Andere stehen noch ganz am Anfang ihrer Entscheidungsfindung oder suchen zunächst einen geschützten Ort, um ihre Gedanken überhaupt einmal aussprechen zu können. Nicht selten führt bereits die Abklärung zu einer gewissen Beruhigung oder Sicherheit, einen Plan B zu haben. Es können so gut weitere Jahre gelebt werden und/oder das Mitglied entscheidet sich für den palliativen Weg.

Die Unterstützung und Beratung sollte immer ergebnisoffen sein und beschränkt sich nicht rein auf den Weg hin zum Tod – je nach Erkrankung. Es geht für diese Menschen darum, für sich einen eigenen, stimmigen Weg zu finden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die verbleibende Zeit, die je nach Erkrankung unterschiedlich ist. Ich bin immer froh, wenn ein Mitglied sich frühzeitig meldet, auch um Angehörige in diesen Prozess einbinden zu können. Vielleicht hat sich das Mitglied bereits länger mit dem Thema Freitodbegleitung auseinandergesetzt und ist in der inneren Trauerverarbeitung an einem ganz anderen Ort als die Angehörigen. Diese sollten, wenn immer möglich eingebunden werden, was sehr oft zum Beispiel auch mit Familiengesprächen gelingt.

Wer oder was soll Sie begleiten?
Wenn wir bei der Ausstellung bleiben und von den Wegen ins Jenseits ausgehen, dann denke ich spontan an eine Reise. Ich höre unterschiedliche Vorstellungen, Hoffnungen und Wünsche, die wohl auch dazu dienen, den Übergang zu erleichtern. Hätte ich einen Wunsch frei, dann würde ich mir eine ruhige Überfahrt in einer Fähre wünschen. Doch weniger düster als auf dem Bild «Die Toteninsel», sondern eher so, wie wir es in Basel kennen. Im Idealfall könnte ich dem Fährimaa erzählen, dass ich eine gute Zeit hatte, noch schöner wäre es, wenn am anderen Ufer bekannte Gesichter auf mich warten würden. Ich lasse mich dann überraschen!