«Grosse Anerkennung»
Petra Aldridge gehörte zu einer der Resonanzgruppen, die das MKB hinsichtlich der Ausstellung «Die Eule ist pink» beraten haben. Sie ist blind. Ihr Ehemann Vivian Aldridge unterstützte die Verantwortlichen ebenfalls und macht Führungen zusammen mit seiner Frau. Wir haben sie interviewt.
MKB: Frau und Herr Aldridge, wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Museum?
Petra Aldridge (PA): Im Frühling 2025 erhielt ich ein Mail, ob ich interessiert wäre an der Teilnahme in einer Resonanzgruppe. Meine erste Reaktion war: Hoffentlich nicht schon wieder ein kurzlebiger Schnellschuss, wie so viele Inklusionsprojekte und Praktikumsarbeiten! Als ich das Thema googelte, entdeckte ich viele Ausstellungen zu Farben, aber die meisten konzentrierten sich auf eine Farbe. Das MKB aber bezog alle Farben mit ein und ich war neugierig zu sehen, wie das umgesetzt wird.
Ich nahm dann an der zweiten Sitzung teil und fand die Gruppe sympathisch – auch dass mit Hörbehinderten und Kindern weitere Resonanzgruppen beteiligt waren. Die Herangehensweise gefiel mir. Als ich in der Sitzung hörte, dass das Museum natürlich den Schwerpunkt auf den kulturhistorischen Hintergrund von Farben setzen muss, fand ich das Thema erst recht spannend. Und ich machte mir sogleich Gedanken, z.B. ob unsere weissen Hochzeitskleider in einer anderen Kultur eine andere Bedeutung haben.
Vivian Aldridge (VA): Ich war erst «nur» Begleiter, als es ins Depot ging. Als ich die Objekte für Petra beschrieb, wurde unglaublich intensiv zugehört. Und irgendwie rutschte ich ins Projekt und half mit bei spezifischen Aufgaben wie dem Erstellen einer Einladung und Flyern mit Braille-Schrift.
Vivian und Petra Aldridge anlässlich der Vernissage der Ausstellung «Die Eule ist pink»
Wie erlebten Sie die Vorbereitungszeit?
PA und VA: Es wurde sehr konstruktiv zusammengearbeitet. Die MKB-Verantwortlichen sind sehr interessiert gewesen an unseren Inputs. Es ist ein ehrliches Bedürfnis da gewesen, unsere Ideen ins Ausstellungskonzept zu integrieren.
Es hat immer mehr Spass gemacht. Der Depotbesuch fand bei uns grossen Anklang. Wir schätzten es zudem, dass das Gestaltungsteam dabei war. Sie wollten wissen, wie wir eine Ausstellung wahrnehmen, wie wir Räume wahrnehmen, wie Dinge wirken.
Wir plädierten von Anfang an dafür, keine Ausstellung speziell für Behinderte zu machen
Was bedeutet es Ihnen, mit dem Museum etwas auf die Beine gestellt zu haben?
PA und VA: Wir möchten zuallererst den Mitarbeitenden grosse Anerkennung aussprechen. Wir finden es sehr gut, dass es nicht vordergründig und exklusiv eine Ausstellung für Sehbehinderte ist. Wir plädierten von Anfang an dafür, keine Ausstellung speziell für Behinderte zu machen, sondern eine mit erleichtertem Zugang für ganz verschiedene Besuchergruppen.
Die Eulen gefallen Petra Aldridge ganz besonders – ebenso wie die freie Präsentation vieler Exponate
Was haben Sie ganz speziell eingebracht?
PA und VA: Wir diskutierten darüber, ob es Leitlinien für eine eigenständige Orientierung in den Räumen braucht. Und ob sehbehinderte Menschen bei so vielen Objekten alleine durchgehen können. Unsere Lösung wurde aufgegriffen: individuelle Führungen auf Anmeldung.
Toll, wie aus einer kleinen pinken Eule eine Ausstellung geworden ist
Was sagen Sie zur fertigen Ausstellung?
PA: Ich staune über die freie Präsentation. Es sind nur wenige Exponate hinter Glas. Und ich bin positiv überrascht über die Vielfalt der Blickwinkel aufs Thema. Mir gefällt zudem der politische Aspekt, der in die Ausstellung verwoben wurde.
Mein lieber Schwan: Was aus einem Jahr Besprechung herausgekommen ist, wie viele unserer Ideen umgesetzt worden sind! Toll, wie aus einer kleinen pinken Eule aus dem Depot ein Titel und eine Ausstellung geworden ist!
Das mexikanische Rosa und seine Bedeutung sind für Petra Aldridge besonders spannend
Was mögen Sie am meisten?
PA: Die Eulenfiguren. Und textile Dinge. Ich interessiere mich für die Herstellung von Textilien, und in der Ausstellung deshalb speziell für die Batik. In der Schule machten wir Batik, das hat aber überhaupt nichts mit der wirklichen und aufwendigen Batikkunst zu tun, wie ich vom Begleittext erfuhr.
Besonders spannend finde ich das mexikanische Rosa. Hier geht es um die Bedeutung der Farbe, dass sie zu einer Kulturfarbe geworden ist.
Beim Lesen des Ausstellungshefts sind mir bei verschiedenen Exponaten immer wieder dieselben Namen aufgefallen. Ich fragte mich, wer was und warum gesammelt und dann dem Museum einzelne Objekte und sogar ganze Sammlungen überlassen hat. Und warum hat das Museum so viele Eulen gesammelt?
VA: Für mich ist es spannend, dass man heute nicht nur herauszufinden versucht, woher etwas stammt, sondern auf welchem Weg es nach Basel gekommen ist. So sieht man die Exponate auch durch die Augen der Sammler und erfährt, was die Herkunftsgesellschaften darüber denken.
Für mich sind die Wyschywanka-Blusen hochspannend. Ihre Geschichte, dann der Film und schliesslich die politische Konnotation: ein dreifacher Zugang zu einem Objekt!
Die Wyschywanka-Blusen aus der Ukraine haben Vivian Aldridge sehr beeindruckt
Das klingt alles so positiv. Gibt es gar kein Verbesserungspotenzial?
PA: Ich vermisse ein wenig den roten – respektive pinken – Faden durch die Ausstellung. Auch im Ausstellungsheft erfährt man nur indirekt, was es mit der Farbe der Eule auf sich hat. Die pinkfarbenen Eulen an den interaktiven Stationen erfüllen eine andere Funktion. Bei künftigen Ausstellungen wird das Museum bestimmt sicherstellen, dass die Dateien des Begleithefts und des Audioguides leichter auffindbar sind, zum Beispiel durch prominentere Platzierung der QR-Codes.
VA: Als Besucher kann man rasch und oberflächlich, aber auch langsam und tiefgründig durch die Ausstellung gehen. Es hat für alle etwas. Die Klappen zum Aufmachen etwa sind wunderbar. Dafür braucht es kein Skript. Doch ohne Handout bleiben einem interessante Zusammenhänge verborgen.
Der Audioguide eignet sich gut, um zu einem Besuch zu animieren. Er ist unkonventionell und für mich eher ein wunderbarer Podcast als ein herkömmlicher Audioguide. Die Präsentation von weissen Fasnachtslarven finde ich besonders gelungen – und inzwischen wurden sie von so vielen Besuchenden für die Diashow digital bemalt! Das spricht für die tolle Überlegung der Kuratierenden. Das Museum hat nicht nur fremde Kulturen darzustellen – und Bezüge zur eigenen Kultur spricht viele Besuchende besonders gut an.
Petra mag es, wenn an Führungen ein Austausch entsteht
Sie haben es erwähnt, Sie bieten Führungen an. Wie wurden diese konzipiert?
PA und VA: Mit Jo Meier aus der Abteilung Bildung & Vermittlung diskutierten wir mögliche Inhalte und Abläufe. Gemeinsam erörterten wir, wie das Publikum einbezogen werden könnte und was sich als Anschauungsmaterial zum Anfassen und Riechen eignen würde. Daraus entstand ein Drehbuch.
VA: Petra mag es, wenn an Führungen ein Austausch entsteht. Doch das hängt immer von der jeweiligen Gruppe ab. Das kann man nicht planen. Insbesondere mag sie es, wenn persönliche Eindrücke geteilt werden.
Ein wenig Basel und auch noch interaktiv darf es in Vivian Aldridges Augen unbedingt sein
Welche Bedeutung haben Farben eigentlich für Sie persönlich?
VA: Zuhause bestimmt Petra eher die Farbgebung. Sie findet es wichtig, dass sie Farbvorstellungskraft besitzt und weiss, was Farben bedeuten. Sie muss aber ihren Zugang zu Farben immer wieder neu erarbeiten.
PA: Mit Farben sendet man Botschaften aus, Farben hinterlassen Eindrücke, die Farbgebung in Räumen und Harmonie ist wichtig. Ich habe eine App zur Farberkennung. Mein Umfeld hilft mir aber, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was zu mir passt.
Möchten Sie noch etwas hinzufügen, was Ihnen wichtig ist?
PA: Ich bin nicht repräsentativ für alle blinden Menschen! Wir geben also nur unsere subjektiven Eindrücke wieder.
VA: Wir hoffen, dass die Erkenntnisse aus dieser Ausstellung in alle weiteren einfliessen. Ich fand es mutig, dass das MKB beim Thema Farben mit Inklusion gestartet ist. Doch es ist gut und richtig so!
Die nächste Führung mit Petra und Vivian Aldridge findet diesen Sonntag, 5. Juli um 13 Uhr statt.
Beim multisensorischen Ausstellungsrundgang erfahren die Besucher*innen, wie vielfältig der Einsatz, die Wahrnehmung und die Bedeutung von Farben sein können. Petra und Vivian Aldridge berichten von der Zusammenarbeit mit dem MKB und ihrem Zugang zur Ausstellung.
Der Eintritt ist gratis. Details gibt es auf unserer Veranstaltungsseite. Anmeldungen unter T +41 61 266 56 00 oder info@mkb.ch.