Waxprints: Globale Mode
Mitglieder des Performance-Ensembles GROUP50:50 besuchten das Textil-Depot des MKB. Sie liessen sich für ihr Projekt WAX TRADERS inspirieren.
Im MKB-Depot (v.l.): Kojack Kossakamvwe und Elia Rediger von der GROUP50:50 mit dem bildenden Künstler Percy Nii Nortey von WAX TRADERS und Ursula Regehr vom MKB
Von Ursula Regehr und Eva-Maria Bertschy
Für ihr aktuelles Musiktheaterprojekt WAX TRADERS arbeiten Eva-Maria Bertschy, Kojack Kossakamvwe und Elia Rediger von der GROUP50:50 mit dem Fashiondesigner Austin Nortey, dem bildenden Künstler Percy Nii Nortey, dem Textildesigner Reindolf Amponsah Monnie aus Kumasi (Ghana) und mit der feministischen Autorin Edwige Dro aus Abidjan (Elfenbeinküste) zusammen. Sie erzählen die Kolonialgeschichte der sogenannten African Wax Prints, die seit Beginn der 20. Jahrhunderts in Europa produziert und nach Westafrika exportiert werden.
Die Handelsgesellschaft der Basler Mission spielte eine wichtige Rolle im Vertrieb dieser Stoffe an der Goldküste im heutigen Ghana. Ausgehend davon entwickeln sie eine «Future Wax Collection» und unternehmen den Versuch, eine Zukunft für die Stoffe zu entwerfen, die bis heute in West- und Zentralafrika ein zentrales Mittel der Kommunikation sind.
Lebendige Geschichte – vielfältige Begegnungen
Im April haben die Künstler*innen in Accra Walter Esposito getroffen. Mit ihm sind sie während zahlreicher Gespräche durch die Zeit gereist. Er ist 1958 mit 23 Jahren aus der Schweiz nach Ghana gereist und begann im Departmentstore der Union Trading Company (UTC, früher Handelsgesellschaft der Basler Mission) in Accra zu arbeiten. Später war er verantwortlich für den Grosshandel von Textilien der UTC in Kumasi und arbeitete eng mit den Traderinnen zusammen, die die Stoffe auf dem Markt verkauften.
Die UTC importierte zu dieser Zeit hauptsächlich Stoffe der Hohlenstein AG, die in Ennenda im Kanton Glarus ab 1920 Wax Prints für den westafrikanischen Markt produzierte. Als in den 1960er-Jahren der Import von Stoffen für die Schweizer komplizierter wurde, weil sie nicht ausreichend Importlizenzen bekamen, gründeten sie in einer Joint Venture mit dem chinesischen Unternehmer Cha Chi Ming Akosombo Textile Limited (ATL) und brachten sowohl die Designs als auch das Know-how der Hohlenstein AG von der Schweiz nach Akosombo.
Und so wurde Walter Geschäftsführer von ATL und ist bis heute in Ghana geblieben. ATL beschäftigte in seinen besten Jahren über 2000 Arbeiter*innen und wurde zu einem wichtigen Label für Wax Prints in Ghana, bis sie mit den chinesischen Importen nicht mehr konkurrieren konnten.
Ein Arbeiter während des Besuchs der GROUP50:50 bei ATL. Foto: Kofi Amankwah
Druckentwürfe und Stoffmuster von UTC und Hohlenstein im MKB
In der Sammlung des MKB befinden sich Druckentwürfe auf Papier, die Designer*innen aus Kumasi, Accra und Akropong in Ghana in den 1930er- bis 1960er-Jahren im Auftrag der UTC zeichneten. Die Inventarnummer III 21256 umfasst 17 Bündel mit ca. 1500 Stoffmustern, die zwischen 1930 und 1970 von der Hohlenstein AG in Glarus für den Westafrikanischen Markt angefertigt wurden.
Ursprünglich kamen die buntbedruckten, in der Batik-Technik hergestellten Wax Print Stoffe aus Java, Indonesien. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts eigneten sich europäische Textilunternehmer diese Motive und Muster zur maschinellen Massenproduktion an. Während der Vertrieb in Indonesien scheiterte, weil dort weiterhin von Hand gemachte und bedruckte Textilien bevorzugt wurden, fanden die industriell gefertigten Stoffe ab 1880 an der «Goldküste», dem heutigen Ghana, Absatz.
Eines der frühesten Wax Print Designs kombiniert ein indonesisches Design, das die Flügel des Gottes Garuda darstellt, mit einem Hintergrund, der ein nigerianisches Adire Elenko Motiv aufnimmt.
Um regionale Märkte in Westafrika zu erobern und die Nachfrage zu steigern, eigneten sich europäische Firmen lokale Motive und Bedeutungen an.
«Grammofon Apawa» genanntes Design
«Ein Design, das wir gesehen haben, nennen wir ‹Grammofon Apawa›, weil es wie ein Grammophon aussieht» erklärt Percy Nii Nortey. «Es handelt von der Ungewissheit des Lebens: Platten haben eine Seite A und eine Seite B. Wenn Ihnen Seite A nicht gefällt, können Sie die Platte umdrehen und Seite B abspielen. Das ist eine Kommunikation im übertragenen Sinn: Wenn einem der heutige Tag nicht gefällt, muss man hart arbeiten und seine Umgebung verändern, damit es besser geht.»
Dieses Design bedeutet: Das Kind kann ein Schneckenhaus brechen, nicht aber den Panzer einer Schildkröte. Anders gesagt: Das Kind sollte bestimmte Dinge, die seine Fähigkeiten übersteigen, nicht tun.
Ein Druckentwurf auf Papier bezieht sich auf die graphische Darstellung eines ghanaischen Sprichwortes. Percy Nii Nortey kommentiert: «Viele Designs wurden von Ghanaern entworfen und an europäische Hersteller oder die UTC verkauft. Das habe ich heute erfahren. Wir hören immer, dass die Wax Print Designs aus Indonesien stammen, in Europa angepasst und nach Westafrika geschickt wurden, aber heute habe ich gesehen, dass auch Ghanaer und Nigerianer am Designprozess beteiligt waren. In diesem Sinne sind ‹afrikanische Wax Prints› nicht nur koloniale Produkte, die anderswo hergestellt wurden, sondern sie sind ebenso afrikanisch.»
Mit industriellen Roll- und Siebdruckverfahren imitierten europäische Firmen textile Färb-Techniken wie Adire, Webtechniken wie Kente und interpretierten sie zu neuen Wax Print Mustern. Damit versuchten sie dem Geschmack der westafrikanischen Kundschaft zu entsprechen.
Imitation traditioneller Muster
«Der Besuch war ein echter Augenöffner. Er war aufschlussreich und hat mein Verständnis dafür erweitert, wie lange es bereits Wax Prints gibt. Ich bin fasziniert von der Tatsache, dass sie auch traditionelle Webstoffe wie Kente in maschinelle Techniken übersetzt haben, um sie industriell zu produzieren», sagt Reindolf Amponsah Monnie.
Während viele Textilfirmen in der Schweiz Ende der 1970er-Jahre schlossen, verlagerte sich die Produktion in den 1960er-Jahren nach Ghana, Côte d’Ivoire und Nigeria. Seit den 1990er-Jahren werden sogenannte Fancy Stoffe überwiegend in China produziert.
Das Projekt WAX TRADERS erhält finanzielle Unterstützung von: Fachausschuss Tanz & Theater Basel-Stadt/Basel-Landschaft und Pro Helvetia