Benin Initiative Schweiz: Forschung und Dialog mit Nigeria
Acht Schweizer Museen haben sich von 2021 bis 2024 in einem Verbundprojekt zusammengeschlossen, um gemeinsam die kolonialen Provenienzen ihrer Sammlungen aus dem Königtum Benin, Nigeria zu untersuchen. Ziel der Initiative war es, Transparenz über die Erwerbsumstände der Objekte und einen offenen Dialog mit Nigeria, dem Herkunftsland der Werke, zu schaffen. Das Museum der Kulturen Basel war an diesem Projekt von Beginn an beteiligt.
Das Königtum Benin im heutigen Nigeria wurde 1897 von britischen Kolonialtruppen angegriffen. Sie zerstörten den Palast des Königs, plünderten ihn und beschlagnahmten tausende von Werken. Diese gelangten in der Folge als sogenannte «Benin-Bronzen» über den Kunsthandel in private und öffentliche Sammlungen in der ganzen Welt. Die Frage, ob die Objekte in den Schweizer Museen im Zuge der sogenannten «Strafexpedition» der Briten erbeutet wurden, stand daher im Zentrum des Forschungsprojektes.
In den Sammlungen der teilnehmenden Schweizer Museen befinden sich 96 Werke aus dem Königtum Benin, welche im Verlauf des Forschungsprojektes untersucht wurden. 21 dieser Objekte befinden sich in den Sammlungen des Museums der Kulturen Basel.
An dem Projekt beteiligt waren folgende Museen: Bernisches Historisches Museum, Kulturmuseum St. Gallen, Musée d'Ethnographie de la Ville de Genève, Musée d'Ethnographie de Neuchâtel, Museum der Kulturen Basel, Museum Rietberg der Stadt Zürich, Museum Schloss Burgdorf, Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Das Projekt war am Museum Rietberg angesiedelt und wurde von Dr. Michaela Oberhofer und Esther Tisa Francini geleitet.
Das Verbundprojekt, das die vernetzte und kooperative Provenienzforschung zu den Beständen aus dem Königtum Benin sowie die Vermittlung der Forschungsresultate zum Inhalt hatte, wurde vom Bundesamt für Kultur (BAK) gefördert und in zwei Phasen durchgeführt.
Phase I (2021-2022): Wege rekonstruieren
Um die Wege der einzelnen Objekte aus dem Königtum Benin bzw. dem heutigen Nigeria bis zu ihrer Aufnahme in die Sammlungen schweizerischer Museen zu rekonstruieren, waren im Projekt mit Dr. Alice Hertzog und Dr. Enibokun Uzebu-Imarhiagbe je eine Provenienzforscherin in der Schweiz und in Nigeria tätig.
Durch Recherchen in Museums- und Kunsthandelsarchiven sowie den Einbezug mündlich überlieferter Geschichte (oral history) der Handwerkergilden und Palastgesellschaften in Benin City (im heutigen nigerianischen Bundesstaat Edo) haben die Provenienzforscherinnen die Objektbiografien und die Transaktionen, durch die sie in die Schweiz gelangten, rekonstruiert.
Basierend auf der Forschung wurden die Objekte in vier Kategorien eingeteilt: «Objects looted in 1897» (geplündert), «Objects likely to have been looted in 1897» (wahrscheinlich geplündert), «Objects unlikely to have been looted in 1897» (wahrscheinlich nicht gepründert), «Objects not looted in 1897» (nicht geplündert). Insgesamt wurden 53 Objekte als geplündert oder wahrscheinlich geplündert eingestuft. Diese Resultate wurden im Forschungsbericht der Phase I festgehalten.
Benin Forum und Joint Declaration
Im Februar 2023 fand das Swiss Benin Forum statt, an der neben den Vertreter*innen der acht teilnehmenden Museen auch eine Delegation aus Nigeria teilnahm. Der Forschungsbericht, der die Phase I abschloss, wurde offiziell an Nigeria übergeben.
Wichtiger Teil des Anlasses war die Verkündung der Joint Declaration of the Swiss Benin Forum, welche von den Teilnehmern der Benin Initiative Schweiz und der nigerianischen Delegation gemeinsam verfasst worden war. Die teilnehmenden Museen hielten darin unter anderem fest, dass sie offen sind für einen Eigentumsübertrag («transfer of ownership») bei den 53 Objekten, die 1897 geraubt («looted») bzw. sehr wahrscheinlich geraubt («likely looted») wurden. Auch das MKB unterzeichnete die Joint Declaration.
Phase II (2023-2024): Vermittlung der Resultate
Im Juni 2023 begann dank der Unterstützung durch das BAK die zweite Phase des Projekts. Diese umfasste einerseits weiterführende Forschung zu den Provenienzen und historischen Akteur*innen und Kontexten durch die wissenschaftliche Mitarbeiterin Daniela Müller, andererseits die Vermittlung der Forschungsresultate durch die teilnehmenden Schweizer Museen. Diese Vermittlung fand wiederum in enger Zusammenarbeit mit Partner*innen aus Nigeria und der nigerianischen Diaspora in der Schweiz statt und resultierte in einer Reihe von Ausstellungen und Anlässen sowie der Publikation «In Bewegung: Kulturerbe aus Benin in Schweizer Museen».
Ausstellungen, die sich ganz oder teilweise der Forschung zu Benin widmeten:
Im Dialog mit Benin (Museum Rietberg)
Benin verpflichtet (Völkerkundemuseum Zürich)
Mémoires (Musée d’ethnographie de Genève)
Cargo Cults Unlimited (Musée d’ethnographie de la Ville de Neuchâtel)
Wege der Kunst (Museum Rietberg)
Die Frage der Provenienz (Museum Rietberg)
Vor aller Augen: Benin, Nigeria (Museum der Kulturen Basel)
Die Resultate der zweiten Projektphase wurden in einem zweiten Forschungsbericht festgehalten.
Erste Restitutionen 2026
Am 20. März 2026 wurden im Rahmen einer feierlichen «Signing Ceremony» die Eigentumsrechte aller mit der Plünderung von 1897 in Verbindung stehenden Benin-Bronzen an den Staat Nigeria übertragen, die sich in den Sammlungen des Museum Rietberg Zürich, des Völkerkundemuseums der Universität Zürich und des Musée d’ethnographie de Genève befinden.